Selber zum Vorbild werden

Erfahrungen teilen, lernen, sich gegenseitig stärken: Das Berufsmentoring-Projekt Mira – Kompass ist für die Teilnehmerinnen ein wichtiger Schritt zur wirtschaftlichen Partizipation und Emanzipation. Und nicht selten sind die kleinen, inneren Veränderungen die grössten Erfolge.
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Im grossen Sitzungszimmer von Frieda sitzen sieben Frauen. Sie sind Hebammen, Marketingfachfrauen, Büroangestellte. Sie sind Mütter, Ehefrauen, alleinstehend. Sie kommen aus der Türkei, aus Uganda, Algerien, Syrien und der Ukraine. Ihre Geschichten unterscheiden sich; sie sind auf anderen Wegen und aus verschiedenen Gründen in die Schweiz gekommen. Sie alle wollen: ankommen. Ihn ihrer neuen Heimat selbstbestimmt leben und arbeiten. Doch wegen struktureller Barrieren und weil ihnen Informationen fehlen, können sie ihre Potenziale oft nicht einbringen. Sie finden nur schwer eine Arbeitsstelle in ihrem Beruf.

An diesem Abend sind die Frauen an den Info-Anlass des Berufsmentoring-Projekts bei Frieda gekommen, um diese Hürden zu überwinden. Denn genau hier setzt Mira – Kompass an. In 10 Monaten erarbeiten die Teilnehmerinnen eine individuelle Standortbestimmung und befassen sich in Workshops vertieft mit relevanten Themen, um den (Wieder-)Einstieg in den Schweizer Arbeitsmarkt zu schaffen.

Beim Austausch in der Vorstellungsrunde wird schnell klar: Die Frauen haben unterschiedliche Geschichten, aber hier in der Schweiz dieselben Erfahrungen gemacht. Eine sagt: «In meiner Heimat habe ich als Datenwissenschaftlerin gearbeitet – hier bin ich im Verkauf». Eine andere stellt sich als Juristin vor, nur um sich gleich selbst zu korrigieren: «Nein, ich war Juristin». Die Resignation darüber, dass die oft langen und teuren Ausbildungen in ihren Heimatländern, die gemachte Berufserfahrung hier scheinbar nichts gilt, ist spürbar. «Es ist nicht gut genug», seufzt eine Teilnehmerin.

Hoffnung und praktisches Wissen

Theodora Leite Stampfli hat das Projekt Mira – Kompass mitentwickelt und arbeitet seit 30 Jahren als Programmverantwortliche in der Migrationspolitik bei Frieda. In diesen 30 Jahren hat sich in der Welt vieles verändert, doch für Frauen mit Migrationsgeschichte sind die Hürden und Hoffnungen in der Schweiz fast gleichgeblieben. Theodora Leite Stampfli sagt: «Ich möchte keine falschen Versprechungen machen. Beim Projekt Mira – Kompass haben wir ein intensives Programm. Es sind viele neue Informationen für die Teilnehmerinnen». Dennoch schafft sie es immer wieder, die Teilnehmerinnen zu motivieren und ihnen Hoffnung zu geben. Mit ihrer herzlichen, offenen Art. Und mit ihrer eigenen Geschichte, die sie als junge Frau von Brasilien in die Heimat ihres Mannes gebracht hat, einem Schweizer Journalisten, der als Korrespondent in Rio arbeitete. «Theodora ist ein Vorbild für uns alle», sagt Fatma, die das Berufsmentoring-Projekt 2024 absolvierte. «Sie hat das Herz am rechten Fleck. Sie gibt den Mira-Teilnehmerinnen so viel Hoffnung», ergänzt Oksana, eine Teilnehmerin des Projektdurchgangs 2025.

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10 Monate gemeinsam lernen und wachsen, das verbindet. Die Teilnehmerinnen beim Projektabschluss. Bild: Fabio Blaser.

Fatma und Oksana sind zwei der rund 45 Teilnehmerinnen, die das Frieda-Projekt seit dessen Lancierung 2024 absolviert haben. Ihre Wege zeigen, wie viele Schritte es braucht, um in der Schweiz beruflich Fuss zu fassen.

Oksana, Versicherungskauffrau aus Kiew, hatte schon vor Kriegsausbruch einen Koffer für den Notfall gepackt und bereitgestellt. Als sie ihn tatsächlich brauchen musste, hoffte sie noch lange, die Flucht ins Exil würde nur kurze Zeit dauern und sie könne mit ihrer Tochter wieder in die Ukraine zurückkehren. Als es klar wurde, dass der Krieg andauern würde, begann sie, Deutsch zu lernen und in der Gastrobranche zu arbeiten. Zwei Deutschkurse hat sie gleichzeitig gemacht, um schnell das Level B2 zu erreichen, nur um dann zu merken, dass sie den Berner Dialekt trotzdem fast nicht versteht. Dass bei vielen Stelleninseraten Mundart ein Kriterium ist, frustriert sie, ein Thema, das auch mit den anderen Projektteilnehmerinnen zu Wort kam. «Wir haben gemerkt: Je mehr und je besser wir Deutsch sprechen, desto einfacher wird es auch mit dem Dialekt.» Deshalb, und auch um einen Job in einem Büro zu finden, bereitet sie sich zurzeit intensiv auf die Deutschprüfung im Level C1 vor, es ist das zweithöchste Level. Um es zu erreichen, spricht sie täglich mit der künstlichen Intelligenz, «es ist auch schon vorgekommen, dass ich sie korrigieren musste», lacht sie und freut sich sichtbar über diesen kleinen Erfolg.

Neues wagen und Gelerntes umsetzen

Fatma aus der Türkei kam 2018 aus politischen Gründen mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in die Schweiz. Sie erzählt von einem schwierigen Ankommen in der Schweiz. Obwohl sie schnell einen Sprachkurs machte und gut Englisch spricht, war die erste Zeit in dem fremden Land geprägt von Verständigungsschwierigkeiten und einem lange dauernden Asylprozess, der viele Unsicherheiten mit sich brachte. In der Türkei arbeitete Fatma 11 Jahre lang als Englischlehrerin, doch in der Schweiz musste sie merken, dass sie mit Kopftuch nicht unterrichten kann – es ist nicht explizit verboten, wird aber vielerorts mit Verweis auf die Neutralität der Schule nicht akzeptiert. Ihr Mann, selbst Informatiker, habe sie ermutigt, eine Weiterbildung zur Software-Testingenieurin zu machen. «Ich wollte unbedingt sehen, ob ich es auch kann. Ich habe sogar programmieren gelernt», sagt Fatma, die Freude über die neue Fähigkeit schwingt in der Stimme mit. Trotz der Weiterbildung und den guten Englischkenntnissen auf ihre Bewerbungen bekam Fatma nur Absagen. Durch die Empfehlung ihres Job-Coachs wurde Fatma 2024 auf das Projekt Mira – Kompass aufmerksam. Das dort gelernte Wissen hat ihr zu der aktuellen Praktikumsstelle in der IT-Abteilung der Mobiliar verholfen. «Ich habe noch bewusster hingeschaut und mich gefragt, was ich noch machen kann», sagt Fatma. Auch Oksana aus der Ukraine hat das praktische Wissen «aufgesogen», wie sie erzählt. Die Teilnahme bei Berufsmentoring von Frieda habe ihr geholfen, ihre Ziele und den Weg dazu genauer zu sehen. «Nach jedem Mira-Workshop habe ich zuhause überlegt, wie ich es für mich anwenden kann.» Und, genauso wichtig wie die Informationen über das Schweizer Sozial- und Steuersystem: «Ich habe mich getraut, Fragen zu stellen».

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Theodora Leite Stampfli (links) blickt auf 30 Jahre Erfahrung in der Migrationspolitik zurück. Bild: Fabio Blaser.

In kleinen und grossen Schritten zum Ankommen

Beim Projekt Mira – Kompass werden immer wieder kleine und grosse Erfolgsgeschichten geschrieben. Viele Teilnehmerinnen gehen nach den 10 Monaten in ihrem beruflichen Selbstbewusstsein gestärkt und mit mehr Wissen weiter, manche bleiben miteinander verbunden und bauen so langsam ein Netzwerk auf. Viele machen ein Praktikum oder finden eine Stelle.  Zu den Erfolgsgeschichten gehören auch die inneren Veränderungen, die bei den Teilnehmerinnen passieren, die kleinen Schritte, die beim Ankommen helfen. «In mir drin bin ich immer noch dieselbe», sagt Fatma abschliessend. Doch sie sei selbstbewusster geworden. So, dass sie sich traute, sich in ihrem Kultur- und Bildungsverein als Präsidentin zu bewerben. «Die anderen Frauen im Verein finden es toll, eine Präsidentin zu haben. Jetzt bin ich auch ein Vorbild».

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