«Es ist meine Verantwortung, hoffnungsvoll zu bleiben»
Marina Peterhans sieht Frauen als zentrale Akteurinnen, die Gemeinschaften zusammenhalten und organisierten Widerstand leisten. «Ihre Stimmen müssen ernst genommen werden», sagt die Programmverantwortliche im Interview.
Welche Probleme sind in der Programmregion Palästina/Israel am dringendsten für die Menschen?
Viele Palästinenser*innen wünschen sich vor allem Sicherheit und Würde, funktionierende Strukturen und ein Ende der täglichen Diskriminierung. Aber die Möglichkeit, Zukunft wieder denken zu können ist für Palästinenser*innen nur mit dem Ende der rechtswidrigen israelischen Besatzung und einem selbstbestimmten Staat möglich.
Wie unterscheiden sich die Bedürfnisse innerhalb von Palästina?
Im Gazastreifen steht für viele Menschen immer noch das unmittelbare Überleben im Zentrum, die Lage ist immer noch katastrophal: Die Menschen erleben eine anhaltende humanitäre Krise mit täglichen Angriffen der israelischen Streitkräfte, auch wenn dies in den hiesigen Medien kaum mehr Thema ist und trotz Waffenruhe. Die meisten sind vom Kriegsgeschehen und den Folgen davon akut traumatisiert. Neben den widrigen Lebensumständen in überfüllten Zeltlagern, ohne ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser und Nahrung, treffen kriegs- und hygienebedingte Krankheiten und Verletzungen auf ein zerstörtes Gesundheitssystem. Im Sommer erschweren Hitze und eine grosse Ratten- und Mäuseplage den Alltag. Diese Lebensbedingungen entwürdigen die Menschen zusätzlich. Hinzu kommt die lähmende Ohnmacht, der israelischen Kriegsführung und den internationalen Mächten willkürlich ausgesetzt zu sein. Auch von ihrer eigenen Regierung fühlen sich die Meisten ungenügend vertreten. Die Unsicherheit darüber, ob es eine Zukunft im Gazastreifen gibt und wie diese aussehen soll, belastet insbesondere die jungen Menschen, die trotz den widrigen Umständen Hoffnung schmieden.
Und in der Westbank?
In der von Israel besetzten Westbank und Ostjerusalem zeigt sich die Gewalt anders, aber ebenfalls sehr alltäglich. Mit permanenter Kontrolle: Checkpoints bestimmen das Leben, Wege werden unplanbar oder unmöglich, die Palästinenser*innen sind Angriffen durch Siedler*innen und Militär ausgesetzt. Die Landeinnahme und Entrechtung wird von der israelischen Regierung aktiv weiter betrieben und Schikanen gehören für Palästinenser*in zum Alltag. Es gibt zu wenig wirksame Schutzmechanismen. Rechte, die eigentlich universell gelten müssten, gelten für Palästinenser*innen oft nicht oder werden nicht umgesetzt. Die Internationale Gemeinschaft, u.a. die offizielle Schweiz, tut erschreckend wenig, um die völkerrechtswidrigen Zustände anzuprangern und Massnahmen zu fordern. Was das für die Menschen bedeutet, ist nicht zu unterschätzen. Es geht nicht nur um politische Fragen, sondern um ganz alltägliche Angst: Kann ich meine Kinder heute in die Schule schicken? Ist unser Zuhause noch sicher genug? Soll ich die kranke Verwandte im Nachbardorf besuchen?
Weshalb ist es so schwierig, strukturelle Gewalt sichtbar zu machen?
Gerade weil die sichtbare Gewalt in der Region so überwältigend ist, kann strukturelle Gewalt oft schwierig fassbar gemacht werden. Wenn Menschen täglich ums Überleben kämpfen, dann richtet sich der Blick verständlicherweise zuerst auf das Akute und Lebensbedrohliche. Diese unmittelbare Gewalt ist konkret, sie hat Bilder, Zahlen und Ereignisse.
Aus feministischer Friedensperspektive ist es wichtig, die unmittelbare Gewalt nicht von struktureller Gewalt zu trennen, denn auch wenn oftmals weniger sichtbar, prägt sie das Leben der Menschen genauso tief. Sie zeigt sich nicht immer in einem einzelnen Angriff, sondern in einem System, das Bewegungsfreiheit einschränkt, Zugang zu Schutz, Gesundheitsversorgung, Bildung, Arbeit und Land verhindert und Rechte für Palästinenser*innen ungleich oder gar nicht durchsetzbar macht. Frieden bedeutet deshalb nicht nur, dass die Angriffe aufhören. Frieden bedeutet auch Zugang zu Rechten, Schutz, Versorgung, Bewegungsfreiheit, Selbstbestimmung und ein Leben ohne permanente Angst.
Und davon sind Frauen besonders betroffen.
Frauen sind nicht einfach deshalb betroffen, weil sie Frauen sind, sondern weil sich verschiedene Formen von Gewalt und Unterdrückung in ihrem Alltag überschneiden. Sie erleben die Folgen von Krieg, Vertreibung, humanitärer Krise und Besatzung und gleichzeitig patriarchale Strukturen, die ihren Zugang zu Schutz, Ressourcen, Einkommen, Mobilität, politischer Mitsprache oder Justiz zusätzlich einschränken.
In Krisensituationen verschärfen sich diese Ungleichheiten. Frauen übernehmen oft einen grossen Teil der Sorgearbeit: Sie kümmern sich um Kinder, ältere Menschen, Kranke oder Verletzte, organisieren Nahrung, Wasser und Hygiene, häufig unter extrem unsicheren Bedingungen. Diese Arbeit ist überlebenswichtig, bleibt aber oft unsichtbar und wird politisch kaum anerkannt.
Palästinensische Frauen sind keine homogene Gruppe. Wie äussert sich das in der Arbeit von Frieda?
Hier braucht es einen intersektionalen Blick: Geschlecht verbindet sich mit Alter, sozialer Lage, Behinderung, Familienverantwortung und politischer Entrechtung. Eine schwangere Frau in Gaza, eine Frau mit Behinderung, eine ältere Frau, eine alleinerziehende Mutter oder eine junge Aktivistin in der Westbank sind sehr unterschiedlich betroffen. Dadurch entstehen unterschiedliche Formen von Diskriminierung und Verletzlichkeit, aber auch unterschiedliche Formen von Widerstand, Sorgearbeit und gesellschaftlicher Verantwortung. Aus Frieda-Perspektive ist darum wichtig: Frauen sind nicht nur Betroffene, sondern zentrale Akteurinnen. Sie halten Gemeinschaften zusammen, organisieren Unterstützung, leisten Widerstand und entwickeln Friedensperspektiven. Genau deshalb müssen feministische und lokale Frauenrechtsorganisationen gestärkt und ihre Stimmen ernst genommen werden.
Wie bietet Frieda konkret Gegensteuer gegen diese strukturelle Gewalt?
Frieda unterstützt nicht mit kurzfristigen Interventionen, sondern durch langfristige Partnerschaften. Wir stärken lokale Organisationen, die strukturelle Gewalt benennen, Betroffene begleiten, politische Teilhabe einfordern und Räume schaffen, in denen Frauen und marginalisierte Gruppen ihre Perspektiven einbringen können. Unsere lokalen Partnerorganisationen sind es, die ihre Situation analysieren und Lösungen und Perspektiven zeichnen und umsetzen. Frieda begleitet solidarisch, mit finanziellen Mitteln und Räumen für Reflexion, mit der Ermöglichung von Austausch und Netzwerken. Und auch mit direkter Unterstützung, damit die zivilgesellschaftlichen Organisationen, v.a. Frauenrechtsorganisationen, sich professionalisieren können. So können sie Kraft finden, um ihre eigene Gesellschaft zu verändern und die Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern.
Wie gehst du mit diesem schwierigen Arbeitsumfeld um?
Ich versuche, diese Hindernisse nicht zu vereinfachen. Wichtig ist für mich, den Partnerorganisationen zuzuhören, ihre Analysen ernst zu nehmen und unsere eigene Rolle als feministische Organisation aus dem globalen Norden kritisch zu reflektieren. Veränderung passiert oft langsam, aber feministische Friedensarbeit zeigt sich auch darin, Räume offen zu halten, Solidarität zu stärken und Menschen und lokale Institutionen darin zu unterstützen, handlungsfähig zu bleiben. In diesem Austausch zu sein mit unseren Partnerorganisationen vor Ort, von ihnen lernen zu dürfen, was es heisst, regelrecht immer wieder aus den Trümmern aufzustehen, neue Hoffnung zu schöpfen und neue Wege zu finden, um ihre Rechte einzufordern, das ist ein grosses Privileg. Die Verbundenheit über Grenzen hinweg stärkt. Und auch wenn es zuweilen frustrierend ist, die grosse Ungerechtigkeit und Ohnmacht im direkten Kontakt jeden Tag zu erfahren, so ist es doch meine Verantwortung hoffnungsvoll zu bleiben, und gemeinsam mit unseren Partner*innen für eine Welt mit weniger Gewalt zu kämpfen.