«Wo ein Wille ist, braucht es endlich auch einen Weg»
Im Studium der internationalen Beziehungen bin ich zum ersten Mal über den Begriff Nation-Building gestolpert. Die Erkenntnis war irritierend und befreiend zugleich: Nationen, so wie wir sie heute kennen, sind keine naturgegebenen Gebilde, sondern junge politische Konstruktionen und damit auch die Konzepte von Grenzen, Nationalitäten und Migration, wie wir sie heute verwenden. Auch die Schweiz ist kein historischer Zufall, sondern ein bewusstes Projekt – eine Willensnation, die sich nicht über Sprache oder Herkunft definiert, sondern über gemeinsame Werte, Institutionen und Regeln des Zusammenlebens. Eine schöne Erzählung. Und doch stellt sich mir bis heute die Frage, wer in diesem «Wir» tatsächlich gemeint ist und wer nur dazugehören darf, solange man funktioniert.
Wirtschaftliche Partizipation gilt hierzulande oft als erreicht, sobald Migrant*innen eine Stelle finden. Hauptsache beschäftigt. Diese Logik greift zu kurz. Teilhabe bedeutet nicht nur Erwerbsarbeit, sondern die Möglichkeit, eigene Kompetenzen einzubringen, mitzugestalten und finanziell unabhängig zu sein. Genau daran scheitert es in der Praxis häufig.
Viele Migrant*innen bringen Ausbildung, Berufserfahrung und unternehmerische Ideen mit. Dennoch stossen sie auf strukturelle Hürden: einschränkende aufenthaltsrechtliche Bestimmungen, Abschlüsse die nicht anerkannt werden, fehlende Netzwerke und Sprachkenntnisse die unter- oder überschätzt werden. Hinzu kommen rassistische Zuschreibungen, prekäre Arbeitsverhältnisse und die Erwartung, Care-Arbeit selbstverständlich «nebenbei» zu leisten. Die Folge ist systematische Unterbeschäftigung – nicht aus mangelndem Willen, sondern aus fehlenden Zugängen.
Was es braucht, ist ein Perspektivenwechsel: weg von der Defizitlogik, hin zur Anerkennung vorhandener Ressourcen. Programme wie der Mira-Kompass zeigen, wie Orientierung, individuelle Beratung und Vertrauen Selbstwirksamkeit stärken können. Ebenso zentral sind Arbeitgeber:innen und politische Rahmenbedingungen, die Vereinbarkeit, Schutz, Weiterbildung und faire Löhne ermöglichen.
In meiner neuen Rolle bei Frieda habe ich das Privileg, genau hier anzusetzen: Stimmen zu stärken, die systematisch überhört werden, und Strukturen sichtbar zu machen, die Teilhabe verhindern.
Wirtschaftliche Partizipation ist eine Voraussetzung dafür, dass eine Willensnation ihrem eigenen Anspruch gerecht wird. Die Verantwortung dafür tragen wir gemeinsam.
Mona-Lisa Kole ist ab April Programmverantwortliche Migrationspolitik bei Frieda. Sie tritt die Nachfolge von Theodora Leite-Stampfli an.