Trägerinnen von Wissen und Erfahrung

Nisreen Tabari und Hajar Abu Saleh, 17. September 2026
Palästinensische Frauen mit israelischer Staatsangehörigkeit sind als ethnische Minderheit in Israel mehrfach von struktureller Gewalt betroffen. Durch die Arbeit der Frieda-Partnerorganisation Kayan kann ihre Widerstandsfähigkeit auch in Zeiten von Krisen und Krieg aufrechterhalten werden.
general_youth-protest_16-days-campaign-2021.jpg

Falak* ist 17 Jahre alt, als sie gezwungen wird, zu heiraten. Sie verbringt viele Jahre unter Angst vor ihrem gewalttätigen Ehemann. Bis sich an einem Tag entscheidet, zusammen mit ihren drei Kindern zu fliehen. Sie denkt, dass die Flucht aus ihrem Zuhause den Beginn eines neuen Lebens bedeutet und dass das Schlimmste endlich hinter ihr liegt. Doch die Gewalterfahrungen gehen weiter, nur die Form ändert sich: Als arabische Frau mit dunkler Haut werden ihre Kinder und sie von anderen Bewohnerinnen im israelischen Frauenhaus rassistisch beschimpft. Um finanziell unabhängig zu sein, nimmt sie eine neue Stelle an Als sie ihren Arbeitgeber wegen seinen Versuchen, sie sexuell zu missbrauchen, anzeigen will, wird sie auch auf der Polizeiwache nicht ernst genommen und ausgenutzt.

Naima* erträgt 12 Jahre lang Misshandlungen durch ihren Ehemann, bevor sie sich traut, sich von ihm zu trennen und Schutz für sich und ihre Kinder zu suchen. Im Laufe der Jahre hat sie belegte Anzeigen bei der Polizei und den Sozialbehörden erstattet und einen langwierigen Rechtsstreit geführt, um die Scheidung und das Sorgerecht für ihre Kinder zu erwirken. Schliesslich wird ihr das Sorgerecht für ihre Töchter zugesprochen, während ihre Söhne trotz der bekannten Gewalttätigkeit ihres Vaters in dessen Obhut bleiben. Nach einer der Anhörungen vor dem Scharia-Gericht wartet ihr ehemaliger Ehemann auf sie. Er hält sie auf und tötet sie vor den Augen von Passant*innen mit sechzehn Messerstichen.

Gewalt in der strukturellen Spirale

Die wahren Geschichten von Falak und Naima stehen symbolisch für hunderte von Frauen. Ihre Geschichten zeigen, dass es in patriarchalen Gesellschaften wichtiger ist, bestehende Familienstrukturen zu erhalten, als sichere Strukturen für Frauen zu schaffen. Wenn staatliche Institutionen nicht auf klare und dokumentierte Risiken reagieren, ist institutionelle Fahrlässigkeit nicht mehr nur ein administratives Versagen; sie wird Teil des Kreislaufs struktureller Gewalt. «Auf den ersten Blick scheint es um Gewalt von Männern gegen Frauen zu gehen», sagt Nisreen Tabari, Direktorin der Frieda-Partnerorganisation Kayan. «Tatsächlich aber geht es um ein System aus Beziehungen, Werten und politischen Massnahmen, das Diskriminierung und Ungleichheit festigt und Frauen unverhältnismässig stark belastet.»

Dazu kommt: Palästinensische Frauen mit israelischer Staatsangehörigkeit sind mehrfachen Diskriminierungen und Formen von struktureller Gewalt ausgesetzt. Einerseits sind sie Teil einer ethnischen Minderheit in Israel. Anderseits sind in ihrer eigenen Gemeinschaft patriarchale Strukturen noch weit verbreitet. So sind palästinensische Frauen in Israel geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt im nahen sozialen Umfeld und im digitalen Raum ausgesetzt. Die vorhanden Schutzsysteme gegen Gewalt sind lückenhaft, psychologische und rechtliche Dienstleistungen unzureichend. Hinzu kommen begrenzte Beschäftigungsmöglichkeiten, was palästinensischen Frauen in die finanzielle Abhängigkeit treibt.

Aus feministischer Perspektive beschränkt sich Sicherheit nicht nur auf den Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt. Sie umfasst auch das Recht, ohne Angst zu leben, sich frei zu bewegen, zu arbeiten und sicher am öffentlichen Leben teilzunehmen. Wenn Angst zum festen Bestandteil des Alltags wird, verschieben sich Prioritäten, der zivilgesellschaftliche Raum schrumpft, und die Fähigkeit von Frauen, sich zu organisieren, teilzunehmen und Einfluss auszuüben, wird zunehmend gefährdet.

Feministische Lösungen für eine komplexe Realität

Für die palästinensischen Frauen in Israel hat die aussenpolitische Lage die bestehende Krise noch verschärft: Seit dem Ausbruch des Krieges von Israel gegen Palästina im Gazastreifen am 7. Oktober 2023 erleben palästinensische Frauen – und die palästinensische Gesellschaft im weiteren Sinne – eine beispiellose Einschränkung ihrer Freiheiten und ihres zivilgesellschaftlichen Raums. «Palästinensische Frauen sind nun nicht nur der Angst vor Gewalt zu Hause oder auf der Strasse ausgesetzt. Sie müssen sich auch fürchten, wenn sie sich im öffentlichen oder digitalen Räum äussern oder sich solidarisch zeigen mit den Opfern des Krieges», sagt Nisreen Tabari.

Diese Realität hat auch die feministische und gemeindebasierte Organisationsarbeit neu geprägt. Viele Aktivistinnen sehen sich seit dem 7. Oktober 2023 gezwungen, ihre Prioritäten neu zu ordnen. „Bei dieser komplexen Realität braucht es feministische Antworten, die auf den Lebenserfahrungen der palästinensischen Frauen basieren», sagt Nisreen Tabari. So setzt sich die Frieda-Partnerorganisation Kayan seit ihrer Gründung 1998 in Haifa dafür ein, strukturelle Gewalt zu identifizieren und zu dokumentieren und gleichzeitig praktische Instrumente zu entwickeln, um dieser Gewalt entgegenzutreten. Das kann bedeuten, ein Netzwerk an Rechtsanwält*innen für die Beratung von Frauen aufzubauen. Oder auf den durch den Krieg ausgelösten dringenden Bedarf an psychologischer und sozialer Unterstützung zu reagieren und sichere Räume für die psychosoziale Einzel- und Gruppenbetreuung von Frauen und Mädchen zu schaffen. «Die Frauen, die Kayan im Laufe der Jahre begleitet hat, haben Gewalt nicht nur überstanden. Sie sind Trägerinnen von Wissen und Erfahrung», sagt Nisreen Tabari. So seien Gemeinschaftsinitiativen ins Leben gerufen, lokale Unterstützungsnetzwerke aufgebaut, Rechte und Freiheiten verteidigt worden. Das habe dazu beigetragen, die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaften in Zeiten von Krisen und Krieg aufrechtzuerhalten. «Das ist unsere Vision von feministischem Frieden.»

*Namen der Redaktion bekannt


Tagung: Friedensfähig statt kriegsbereit - Pazifismus in Zeiten globaler Gewalt

14:00 Uhr
Paulus Akademie
screenshot-2026-08-20-091220.png
Die Paulus Akademie organisiert eine Tagung zur Frage, wie wir heute, einer Zeit der globalen Aufrüstung, als Gesellschaft noch friedensfähig werden können. In Inputreferaten und Workshops werden Räume für Reflexion und Austausch geöffnet.
> Detailinfos zum Anlass

Filmvorführung: Imagine Peace

18:20 Uhr
RiffRaff
imagine-peace.jpg
Die hundertjährige Pionierin des Friedens Aktivismus Edith Ballantyne blickt auf ein Leben im Dienst des Friedens zurück und will ihre Erfahrungen weitergeben, bevor ihre Stimme für immer verstummt.
> Detailinfos zum Anlass

Mira-Kompass: Mehr als ein Lebenslauf: Migrantische Frauen und ihre unsichtbaren Kompetenzen im Schweizer Arbeitsmarkt

18:00 Uhr
Rotonda, Pfarrei Dreifaltigkeit
Im Rahmen ihrer Teilnahme im Mira-Kompass Programm, geleitet durch die Abteilung Migrationspolitik von Frieda, organisieren die Teilnehmerinnen zwei Veranstaltungen zum Thema Arbeitsmarkt und Migration. Wir freuen uns auf viele Interessierte und einen regen Austausch an den anschliessenden Apéros.
> Detailinfos zum Anlass

Mira-Kompass: Miteinander statt nebeneinander – Gemeinsam Vorurteile abbauen und Verständnis im Arbeitsleben fördern

18:00 Uhr
Haus der Religionen
Im Rahmen ihrer Teilnahme im Mira-Kompass Programm, geleitet durch die Abteilung Migrationspolitik von Frieda, organisieren die Teilnehmerinnen zwei Veranstaltungen zum Thema Arbeitsmarkt und Migration. Wir freuen uns auf viele Interessierte und einen regen Austausch an den anschliessenden Apéros.
> Detailinfos zum Anlass

Dialog 2030: Nachhaltigkeit und Sicherheit

Uhr
Eventfabrik Bern
Die Veranstaltung Dialog 2030 ermöglicht den Austausch zwischen Bund und Stakeholdergruppen und will die koordinierte und wirkungsvolle Umsetzung der Agenda 2030 ermöglichen.
> Detailinfos zum Anlass
×
Scroll agenda container left
Scroll agenda container right