Mitten in den Trümmern: Wie Frauen im Gazastreifen ihre Kooperative neu aufbauen
Geschlechtsspezifische und strukturelle Gewalt trifft Frauen im Krieg besonders hart. Neben Leid und Verlust verlieren sie Einkommen, Handlungsspielraum und gesellschaftliche Teilhabe. Die Zeina-Kooperative im Gazastreifen wirkt dem entgegen: Frauen aus beduinischen Gemeinschaften stellen handgefertigte Spielsachen her und erwirtschaften damit ein eigenes Einkommen.
Arbeitsort und Sicherheitsnetz
Im aktuellen Krieg zwischen Israel und der Hamas wurden die Räumlichkeiten der Kooperative vollständig zerstört und die Mitglieder flohen Richtung Süden. Seit Ende 2024 ist die Kooperative im mittleren Gazastreifen wieder operativ tätig. An verschiedenen Produktionsstandorten stellen die Frauen Puppen und traditionelle Handarbeiten her, auch Ausbildung und Produktion werden dabei verbunden. Rund 500 Frauen und Kinder werden zudem durch psychosoziale Aktivitäten – z.B. therapeutische Puppentheater mit den selbst gefertigten Puppen – erreicht.
Die Leiterin der Zeina-Kooperative, Asmaa Abu Qaida, erklärt: «Die Zeina-Kooperative ist nicht einfach ein Nähworkshop – sie ist ein soziales Sicherheitsnetz, das vollständig von Frauen geleitet wird.» Frauen könnten durch Zeina nicht nur für ihre Familien sorgen, sondern übernehmen führende Rollen in ihrer Gemeinschaft. «Die Kooperative zu unterstützen, ist eine direkte Investition in die Stärkung von Frauen.»
Amal Abu Ghazal ist Teil der Zeina Kooperative und hat Frieda aus ihrem Alltag erzählt.
Im Gazastreifen ist die Lage immer noch katastrophal: Die Menschen erleben eine anhaltende humanitäre Krise mit täglichen Angriffen der israelischen Streitkräfte. Trotz Waffenruhe ist es noch kein Zustand des Friedens. Wie können Sie unter solchen Umständen einem Handwerk nachgehen?
Einen normalen Tag gibt es hier nicht wirklich. Jeder Morgen ist ein neuer Kampf. Wir haben grosse Schwierigkeiten, Stoffe und andere Produktionsmaterialien zu erhalten, da die Grenzübergänge weitgehend geschlossen und Preise enorm gestiegen sind. Dazu kommen die ständigen Stromausfälle. Ohne Strom stehen die Nähmaschinen vollständig still.
Und wie machen Sie weiter, wenn die Maschinen stillstehen?
Wir haben gelernt, Lösungen aus dem Nichts zu erfinden. In den wenigen Stunden, in denen am Hauptsitz Strom vorhanden ist, schneiden wir Materialien zu und bereiten alles vor. Dann bringen wir die vorbereiteten Teile zu den Produktionsgruppen in den Zelten. Dort wird von Hand genäht – bei dem Licht kleiner batteriebetriebenen Lampen.
Und weil Stoffe fehlen, haben wir einen umfassenden Recyclingprozess gestartet. Wir verwenden verfügbare Decken, um Taschen herzustellen. Wir zerlegen Kissen, um die Füllung herauszuholen und damit Spielzeug und Puppen zu stopfen. Wir sammeln jeden kleinen Stoffrest.
Sie haben im Krieg Ihren Sohn verloren und haben fünf Töchter, für die Sie allein sorgen.
Nach dem Tod meines einzigen Sohnes wurde die Welt dunkel für mich. Wir mussten fliehen und lebten in Zeltlagern, begleitet von einem ständigen Gefühl von Angst und Isolation.
Durch die gemeinsame Arbeit in der Kooperative kehrte meine Seele zu mir zurück. Meine Arbeitskolleginnen sind wie Schwestern geworden. Wir sitzen zusammen, reden miteinander und trösten uns gegenseitig. Die Arbeit holt uns aus unseren schweren Sorgen heraus.
Was hat sich verändert, seit Sie Teil der Kooperative sind?
Früher haben mich die Menschen in meinem Umfeld einfach als eine Hausfrau angesehen. Heute sehen alle in mir eine starke Frau und eine Stütze für die Familie. Weil ich arbeite, eine ganze Produktionslinie leite und meine fünf Töchter versorge, ohne auf Hilfsgüter warten zu müssen.
Meine Töchter sind stolz, dass ich in der Kooperative arbeite. Das gibt mir die Kraft, für sie auf den Beinen zu bleiben.