Ist Frieden utopisch?

Das fragt Frieda-Präsidentin Virginia Köpfli und definiert in ihrer Rede den Ostermarsch als Zeichen des Widerstands und der Hoffnung.
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Wir leben in einer Zeit, in der Frieden als Utopie gilt. In der Aufrüstung als Vernunft verkauft wird und Gewalt als Naturgesetz. Und wir sind trotzdem an den Ostermarsch gekommen. Das ist Widerstand. Das ist Hoffnung.

Ich möchte mit einer Frage beginnen, die mich seit Monaten nicht loslässt: 

Wie viele Kriege passen in eine Nachrichtensendung? 

Mehr als früher. Viel mehr. Die Ukraine. Gaza. Sudan. Jemen. Myanmar. Kongo. Wir scrollen durch Meldungen über Bombenangriffe, über Massaker, über Hungersnöte – und dann kommt eine Werbeunterbrechung. Und das Erschreckendste ist nicht die Gewalt selbst. Das Erschreckendste ist, wie schnell wir uns daran gewöhnt haben. 

Die Bilder von Müttern, die ihre Kinder beerdigen. Von Städten, die zu Schutt werden. Von Flüchtenden, die an Grenzen zurückgewiesen werden. All das ist längst Kulisse geworden. Hintergrundgeräusch. 

Ich weigere mich, das zu akzeptieren. 

Und gleichzeitig erleben wir in der Schweiz, in Europa, weltweit: Die Antwort auf diese Gewalt ist nicht mehr Frieden. Die Antwort ist: mehr Rüstung. Mehr Milliarden für Militär. Mehr Sicherheitspolitik. 

Doch wessen Sicherheit? 

Die Militärausgaben steigen. Und gleichzeitig werden die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit gestrichen. Für die Opferhilfe. Für die Friedensförderung. In der Schweiz wurden Millionen aus der internationalen Zusammenarbeit abgezogen – aus der Arbeit also, die langfristig Konflikte verhindert. Aber Panzer – die kriegen ihr Budget. 

Studien zeigen, dass fast jede Frau in der Schweizer Armee sexualisierte Gewalt erlebt hat. Und trotzdem soll Sicherheit durch mehr Militär entstehen? 

In der Politik ist Sicherheit ein Herrschaftsinstrument. Ein Mittel, um Gewalt zu begründen. Die Sicherheit der einen ist die Legitimation von Gewalt gegen die anderen. Wir befinden uns in einer Zeit, in der Sicherheitspolitik keine Sicherheit schafft – sondern mehr Gewalt. 

Frieda-Präsidentin Virginia Köpfli in ihrer Rede am Ostermarsch. Bild: Heinz Bichsel.
Das diesjährige Motto: Wir sind viele. Bild: Heinz Bichsel.
Der Ostermarsch startete im Eichölzli ... Bild: Heinz Bichsel.
... die Route führt durch Bern... Bild: Heinz Bichsel.
... mit dem Ziel: Zum Münster. Bild: Heinz Bichsel.
Virginia Köpfli im Interview mit SRF. Bild: Heinz Bichsel.
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Gertrud Kurz, die Gründerin von Frieda – damals noch Christlicher Friedensdienst – hat genau diese Frage schon vor Jahrzehnten gestellt. In einem ihrer Texte schrieb sie: 

«Andere meinen, die Frage von Krieg und Frieden sei nicht Sache von uns einfachen Laien, sondern sie werde von den Mächtigen dieser Erde bestimmt. Ihnen seien wir ausgeliefert. Muss man sich nicht gerade gegen diese Meinung wehren? Haben wir nicht in Lauheit zuwenig getan und in Fatalismus die Dinge an uns herankommen lassen? Geben wir beides auf!» 

Geben wir beides auf. Die Lauheit. Und den Fatalismus. 

Das sagt uns eine Frau, die in einer Zeit lebte, in der die Welt täglich mit dem Atomkrieg rechnete. Und sie ist trotzdem aufgestanden. Hat Friedensarbeit geleistet. Hat Menschen zusammengebracht. Hat geglaubt – nicht naiv, sondern beharrlich –, dass etwas anderes möglich ist. 

Wir stehen heute in ihrer Tradition und wir sind viele! Wir sind heute hier, am Ostermarsch, weil wir diese Hoffnung noch haben. Weil wir uns gegenseitig daran erinnern, dass wir nicht allein sind. Dass es viele von uns gibt. Dass unsere Bewegung eine lebendige, wachsende Gegenkraft ist. Und damit positionieren wir uns auch als eine Gegengemeinschaft und leben das, wofür wir kämpfen.  

Dieser Text ist ein Auszug aus der Rede von Virginia Köpfli am Ostermarsch 2026.

Die SRF-Tagesschau berichtet über den Ostermarsch und interviewt Frieda-Präsidentin Virginia Köpfli. Hier kann der Bericht angeschaut werden.

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