Hinter den prunkvollen Boulevards von Tanger: Das stille Engagement für unverheiratete Mütter
Zusammen mit Lokalkoordinatorin Dounia Benslimane besucht Virginia Köpfli «100% Mamans», eine Partnerorganisation von Frieda, die sich für unverheiratete Mütter einsetzt. Ihre Eindrücke und Erinnerungen hält die Frieda-Präsidentin hier fest:
Dounia und ich machen uns vom belebten Bahnhof von Tanger mit dem Taxi auf den Weg zu 100% Mamans. Auf dem Weg passieren wir Prachtbauten wie etwa das kürzlich erweiterte Fussballstadion oder viele grosse und geschmückte Boulevards. Angekommen beim Ausbildungsatelier von 100% Maman, bin ich anfangs fast ein wenig überfordert von dem vielen Eindrücken und Geräuschen und Gewusel: Während aus dem Atelier die Nähmaschinen im Takt klappern und der Duft von frischgebackenen Keksen langsam aus der Backstube entweicht, begrüsst mich Hind Chokrii, die Geschäftsführerin von 100% Mamans. Unverheiratete Mütter sind in Marokko noch immer grosser Diskriminierung ausgesetzt. Die Organisation gibt den Frauen Zugang zu juristischer Beratung sowie psychosozialer, medizinischer und ökonomischer Unterstützung. Ihr Ansatz ist ganzheitlich, und deshalb beginnt unser Besuch auch mit einer Führung in den verschiedenen Ausbildungsateliers. 100% Mamans bietet drei Ausbildungen an: als Näherin, Schmuckdesignerin und in der Patisserie/ Gastronomie. Daneben bieten sie auch verschiedene andere Weiterbildungen an, von Sprachkursen bis hin zu digitalen Skills und der Unterstützung dabei, mit den angeeigneten Fähigkeiten ein eigenes Geschäft zu starten. Das Prinzip dabei ist simpel: Expert*innen geben das anfängliche Know-How, aber danach unterstützen sich die «Mamans» untereinander.
Wichtige Sensibilisierungsarbeit
Bei einem frischen Minztee und mit feinen Gebäcken aus der hauseigenen Backstube kann ich mein Gespräch mit Hind und ihrem Team vertiefen. Mich interessiert, was sich seit der 2023 laufenden Familienrechtsreform verändert hat. Hind nimmt mir leider alle Illusionen, seit 2025 bewege sich nichts mehr. Man vermute, die nächsten Wahlen würden abgewartet, und ein sich anbahnender Wechsel der Mehrheiten in Parlament und Regierung mache wenig Hoffnung auf grosse Verbesserungen im Familienrecht. Immerhin zeigt die wichtige Sensibilisierungsarbeit bei Personal von Spital, Behörden, Schule und Polizei Wirkung: Die zivilgesellschaftliche Unterstützung für die Projekte von 100% Mamans nimmt zu.
Ernüchternde politische Realität
Es geht weiter zum zweiten Teil des Besuches zum Standort ihres Frauenhauses für unverheiratete Mütter. Als wir ankommen, hören wir bereits Kinderlachen. Im Erdgeschoss befindet sich die Kindertagesstätte. Hier können Frauen, die an den Programmen von 100% Mamans teilnehmen, ihre Kinder betreuen lassen. Eine Betreuerin begleitet uns hinein. Während einige Kinder in der Mitte des Raumes Bauklötze aufeinanderstapeln, stehen rundherum Kinderbetten mit schlafenden Babys. Ich gehe in eine Ecke des Raumes und beobachte ein besonders kleines Baby, das mich mit grossen Augen anschaut. «Sie ist vier Monate alt», erklärt die Kitabetreuerin. Nach den Gesprächen über Politik und Gesetze sehe ich hier einen winzigen Menschen, der einfach durch seine Geburt stigmatisiert wird und so viele Hindernisse im Leben haben wird – was ich dabei fühle, kann ich nicht in Worte fassen.
Der Besuch bei 100% Mamans beschäftigt mich auch während meines restlichen Aufenthaltes in Tanger. Marokko ist ein vielseitiges und vielschichtiges Land und die schwierige Realität von unverheirateten Frauen steht nicht im Interesse der politischen Agenda, stelle ich nach meinem Besuch ernüchtert fest. Dafür bestätigt sich auch meine Erkenntnis: Die kontinuierliche, unermüdliche und sehr leidenschaftliche Arbeit von Hind Chokrii und ihrem Team bei 100% Mamans ist umso wichtiger.
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