Ein Friedensgedicht aus dem Gazastreifen
O Himmel über Gaza
O Himmel, der wacht, ohne ein Auge zu schliessen,
du trägst die Last unausgesprochener Namen,
du hältst den Rauch der Sehnsucht und des Verlusts fest,
und dennoch weigerst du dich zu fallen.
Du leuchtest heute Nacht in den Farben der Zeugen –
rot wie der Schrei eines verwundeten Landes,
blau wie die Geduld, die sich weigert zu sterben,
golden wie die Hoffnung, die sich in zerbrochenen Strassen verbirgt.
Über Gaza hat sogar die Stille eine Stimme,
sogar die Trümmer erinnern sich an die Gestalt der Häuser,
sogar der Wind wiederholt die Gebete der Mütter,
die zu dir sprechen, wenn sonst niemand mehr da ist.
O Gott des Himmels,
wenn Barmherzigkeit eine Farbe hat, lass sie durch diese Wolken strömen.
Wenn Frieden eine Richtung hat, lass ihn dieses Ufer finden.
Wenn die Morgendämmerung sich noch an ihr Versprechen erinnert,
lass sie hier als Erstes aufgehen.
Und wenn die Nacht endlos erscheint,
lehre die Sterne, wach zu bleiben –
nicht, um die Erde unter ihnen im Stich zu lassen,
sondern um sie zu bewachen, bis sie heilt.
Wie ist das Gedicht entstanden?
Dieses Gedicht und die Fotografie stammt von dem 16-jährigen Schüler Mohammed. Er ist der Sohn einer ehemaligen Lokalkoordinatorin von Frieda und lebt in Gaza City. Text und Bild entstanden, als die Familie wegen des Krieges in den Süden flüchten musste. Das Bild erinnert Mohammed an die Belagerung und die strenge Ausgangssperre – die Rosen stehen für die Liebe und Hoffnung, die trotzdem weiterwachsen.
Das Gedicht von Mohammed aus dem Gazastreifen ist ein Beitrag für das weltweite, partizipatorische Kunstwerk «One Sky Flags (Freedom Lifts Her Winning Banner High)» der Künstlerin YLS Yvonne Lee Schultz, Es findet vom 1.-26. September 2026 an diversen Orten in Bern statt. Weitere Informationen: oneskyflags.com
Original auf Englisch:
O Sky Above Gaza
O sky that watches without closing an eye,
you carry the weight of names unspoken,
you hold the smoke of longing and loss,
and still you refuse to fall.
You burn tonight in colors of witness—
red like the cry of a wounded land,
blue like the patience that refuses to die,
gold like hope that hides in broken streets.
Over Gaza, even silence has a voice,
even rubble remembers the shape of homes,
even the wind repeats the prayers of mothers
who speak to you when no one else remains.
O God of the sky,
if mercy has a color, let it pass through these clouds.
If peace has a direction, let it find this shore.
If dawn still remembers its promise,
let it rise here first.
And when the night feels endless,
teach the stars to stay awake—
not to abandon the earth below,
but to guard it until it heals.